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360° Grad Ästhetik

Auf dem diesjährigen Sundance Filmfestival in den USA zeichnete sich ganz klar der Trend für das Jahr 2017 ab: Virtual Reality (VR) und 360 Grad Videos sind auf dem Vormarsch und gewinnen zunehmend an Bedeutung. Auch für den Bereich der Unternehmensfilme, wie z.B. Imagefilme ist diese innovative Filmproduktion eine interessante Neuheit.

Bild 360° Filmproduktion

Im Netz werden die Bezeichnungen VR-Video und 360° Grad Video dabei häufig bedeutungsgleich verwendet. Auch wenn die Begriffe nicht eindeutig trennscharf sind, so ist eine Differenzierung aber dennoch gegeben und auch dringend notwendig. VR zeichnet sich nämlich vor allem dadurch aus, dass der Zuschauer in eine virtuelle Welt transportiert wird, welche am Computer erschaffen wurde und mit welcher er interagieren kann. In einem 360° Grad Video hingegen kann der Betrachter zwar nicht direkt mit der Welt interagieren, er besitzt jedoch die Freiheit, die Blickrichtung innerhalb des Videos nach seinem eigenen Interesse zu wählen. Während VR-Videos aus computergenerierten Welten bestehen, verstehen wir von referenz film unter 360° Grad Videos ausschließlich Videos, welche reale Inhalte zeigen.


Es stellt sich nun die Frage, inwiefern das verstärkte Aufkommen der 360° Grad Videos zukünftig das Sehverhalten der Menschen verändern wird. Obwohl das Medium Film im Vergleich zu Anderen, wie etwa dem Buch, ein noch sehr junges Medium ist, haben sich die Zuschauer bereits an die verschiedensten Gestaltungsmittel im klassischen Film gewöhnt. Man könnte sagen, dass wir inzwischen zu "emanzipierten" Zuschauern herangewachsen sind, die mit den unterschiedlichsten Effekten und Schnitttechniken im Film vertraut sind und die Absichten des Filmemachers analysieren und auch nachvollziehen können, als wären wir selbst der Kreateur. Doch wie sieht es mit der Umsetzung filmischer Mittel im brandneuen Medium des 360° Grad Videos aus? Lässt Sich Grundlegendes aus dem Film, wie beispielsweise Kamerabewegungen, Einstellungsgrößen und Schnitte einfach in die 360° Grad Perspektive übertragen, oder sind diese gar grundsätzlich nicht mehr anwendbar? Und wie verändert sich die Arbeit bei der Filmproduktion eines 360° Grad Videos zum Beispiel in Bezug auf die Szenenbeleuchtung oder die Regieführung?

Eine Frau blickt in einen Apparat zur Augenvermessung.

Bild Einstellungsgrößen -> Screenshot "Tesafilm"

Mit Blick auf die Kameraarbeit wird an dieser Stelle sofort deutlich, dass sich konventionelle Filmarbeit stark verändert, wenn man ein 360° Grad Video drehen möchte. Streng genommen hat der Kameramann bei einem 360° Grad Video nämlich keine Arbeit im klassischen Sinne mehr zu leisten. Der Zuschauer übernimmt die Rolle des Kameramannes. Er selbst entscheidet im 360 Grad Video über das Framing, also der Wahl des Bildausschnittes im Film durch Umherschauen. Auch Einstellungsgrößen ergeben sich nur noch aus dem Abstand des Geschehens oder der Objekte zur Kamera.

Daraus resultiert natürlich eine ganz neue Bildsprache, über die sich der Filmemacher im voraus verstärkt Gedanken machen muss. Denn im 360° Grad Video wählt jeder Zuschauer selbst, welchen Inhalten er seine Aufmerksamkeit widmet. Um den Betrachter aber nicht in der Informationsfülle eines 360° Grad Videos zu verlieren oder ihn gar zu überfordern, ist es essentiell, den Zuschauer subtil durch das Video zu führen. Durch kreative Arbeit kann diese Aufmerksamkeitslenkung durchaus effektiv und elegant gewährleistet werden. Da der Filmemacher nun nicht mehr alleine entscheidet, welchen Bildausschnitt er dem Zuschauer präsentiert, wird der gezeigte Inhalt eines 360° Grad Videos sogar noch relevanter. Techniken zur Szeneninszenierung, wie dem sogenannten Blocking, gewinnen im 360° Grad Video wieder vermehrt an Bedeutung. Hierbei wird durch die Konstellation der Charaktere zueinander oder zu Objekten, deren Beziehungsgeflechte dem Zuschauer nonverbal vermittelt. Innere Konflikte, Spannungen zwischen Charakteren oder auch Machtgefüge können auf diese Weise visuell ausgedrückt und betont werden. Im 360° Grad Video eröffnen sich durch die Rundumsicht neue und spannende Möglichkeiten des Blockings.

Bild Blocking

360 Bild Beleuchtung :
360° Foto von Intervewpartner. Im HG ist Filmteam zu sehen

All die bisher angesprochenen Punkte müssen schon in der Planung bedacht werden, sodass der Film später den speziellen Anforderungen eines 360° Grad Videos gerecht werden kann. In der Phase der Produktion zeichnen sich ebenfalls deutliche Veränderungen in der Arbeitsweise ab. So zum Beispiel bei der Beleuchtung der Szene. Während bei der Produktion eines klassischen Films die Scheinwerfer außerhalb des Bildes platziert werden können, z. B. an der Decke oder hinter der Kamera, ist dies im 360° Grad Video nun nicht mehr möglich. Es gibt kein “Außerhalb des Bildes” mehr - der Zuschauer sieht hier alles - mit einem einfachen Blick an die Decke eben auch die Scheinwerfer dort. Auch gibt es kein "hinter" oder "vor" der Kamera mehr, da alles um die Kamera herum sichtbar ist. Um die Natürlichkeit der Szene nicht zu stören, aber dennoch eine ausreichend ausgeleuchtete Szene zu erhalten, ist das Stichwort an dieser Stelle "Available Light". Die Location für das 360° Grad Video muss demnach so gewählt sein, dass alleine das vorhandene Licht vor Ort ausreichend ist. Kann auf zusätzliche Lichtquellen nicht verzichtet werden, so müssen diese plausibel in der Szenerie integriert sein (z. B. Schreibtischlampe) oder versteckt werden (z. B. hinter einem aufgeklappten Laptop).

Ähnliche Restriktionen ergeben sich auch für die Regiearbeit und erschweren diese für das 360° Grad Video deutlich. Der Regisseur kann nun nicht mehr hinter der Kamera stehend die Szene observieren oder Anweisungen geben. Auch dieser muss auf eine authentische Weise in das Szenenbild integriert werden, um von dort seine Arbeit zu leisten, ohne den Zuschauer zu irritieren. Oder die Regie behält die Szene von außerhalb des Bildes im Blick. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass das Kamerabild per Livestream übertragen wird, was mit technischen Mehraufwand verbunden ist. Soll die Kamera nicht nur statisch in der Mitte der Szene platziert sein, sondern soll die Kamera innerhalb des 360° Grad Videos bewegt werden, ergeben sich auch an dieser Stelle besondere Herausforderungen. Denn wer oder was auch immer die Kamera bewegt, wird auch im Bild zu sehen sein. Bewegt beispielsweise ein Darsteller die Kamera, so muss bedacht werden, dass dieser durch die weitwinkligen Linsen und der unmittelbaren Nähe zur 360° Grad Kamera unnatürlich groß zu sehen sein wird. Dies gilt natürlich auch für etwaige Hilfsmittel, wie Stative.In jedem Fall sollten Kamerabewegungen in einem 360° Grad Video aber auf irgendeine Weise motiviert sein und eher sparsam eingesetzt werden, da diese Bewegungen beim Zuschauer nicht nur zur Desorientierung, sondern auch zu Übelkeit und Kopfschmerzen führen können.

Das referenz film Team bei der Filmproduktion

Bild Doppelbelichtung

Die Produktion eines 360° Grad Videos weist bisher also schon einige Herausforderungen auf, die es zu bedenken gilt. Allerdings bietet sich auch die Möglichkeit, dass vermeintlich "veraltete" Effekte für das 360° Grad Video wieder interessant werden. An Effekten wie Jump-Cuts oder Doppelbelichtungen im klassischen Film hat sich der Zuschauer inzwischen gewohnt und misst diesen keine Besonderheit mehr bei. Innerhalb eines 360° Grad Videos jedoch, welches die Welt auf realistische Weise um den Zuschauer herum abbildet, kommen diese einfachen Effekte deutlich stärker zur Geltung, da sie, in die ungeläufige Rundum-Perspektive integriert, für den Zuschauer wieder neuartiger erscheinen.

Umstritten im Bereich des 360° Grad Videos ist der Einsatz von Schnitten. Manch einer argumentiert, dass das Schneiden innerhalb eines 360° Grad Videos zu vermeiden ist, da es den Zuschauer verwirren würde. Wir von referenz film sehen das allerdings anders. Der Oscar-prämierte Filmeditor Walter Murch ("Der Pate", "Der englische Patient") postulierte 1993 in seinem Buch "In The Blink Of An Eye" über die Kunst der Filmmontage, dass ein gut platzierter Schnitt im Film dem Blinzeln entspräche. Der Mensch "schneidet" demnach das, was er sieht, quasi kontinuierlich auf natürliche Art und Weise. So sind auch wir der Meinung, dass das Schneiden in einem 360° Grad Video durchaus dem natürlichen Sehen entsprechen und demnach sehr gut funktionieren kann. Allerdings sind die Anforderungen an den Schnitt im 360° Grad Video höher und das Schneiden wird deutlich komplexer. Der Blick des Zuschauers muss ganz gezielt geführt werden, damit ein gesetzter Schnitt tatsächlich funktionieren kann. Es ist daher empfehlenswert, die Schnitte innerhalb eines 360° Grad Videos bereits in der Konzeptionsphase mit einzuplanen und schon in das Drehbuch aufzunehmen.

Ein Referenzler beim Arbeiten am PC.

Eine junge Frau mit referenz film Logo auf dem Hemdkragen bei der Filmbearbeitung am Rechner.

Dann ist es beispielsweise auch möglich, Dialogsituationen zu schneiden. Wie beim klassischen Film kann also ein Dialog zwischen zwei Personen zeitgleich mithilfe mehrerer Kameras (Multicam-Setup) gefilmt und so geschnitten werden, dass die Aufmerksamkeit des Zuschauers ganz gezielt gesteuert werden kann. Beispielsweise auch mit Reaction-Shots, um sicher zu stellen, dass der Zuschauer seine Aufmerksamkeit zur richtigen Zeit auf den entscheidenden Dialogpartner fokussiert. In einem 360° Grad Video eines Dialogs, welches als "one-shot" also ganz ohne Schnitte auskommt, ist es nämlich vollkommen dem Zufall überlassen, ob der Betrachter genau im richtigen Moment den Bildausschnitt so wählt, dass er die Reaktion der Person B auf das Gesagte der Person A mitbekommt. Mithilfe von Schnitten kann der Zuschauer im 360° Grad Video hingegen gezielt zu den ausschlaggebenden Inhalten des Videos geführt werden, verliert aber dennoch nicht die Freiheit der Perspektivenwahl.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sowohl in der Planung, als auch in der Produktion Veränderungen und Herausforderungen mit einem 360° Grad Video einhergehen, die unbedingt bedacht werden sollten. Eine neue Denkweise in Bezug auf Regiearbeit, Beleuchtung und Kamerabewegungen sind angebracht. Im Vergleich zum klassischen Film gestaltet sich aber auch die inhaltliche Konzeption insofern anders, als dass diese deutlich mehr Gewicht erhalten sollte. Schließlich stellt das 360° Grad Video auch in der Postproduktion nicht zu unterschätzende Ansprüche an den Filmemacher, eröffnet aber gleichzeitig spannende und neuartige Möglichkeiten, die es in Zukunft zu erkunden und zu erproben gilt.